Neue Vortragsreihe des Wissenschaftsvereins Kärnten widmet sich aktuellen Fragen von Macht, Einfluss und Handlungsspielräumen
Wer hat Macht in einer zunehmend von geopolitischen Spannungen und Verschiebungen geprägten Welt? Wo liegen die Grenzen politischen Handelns – und welche Möglichkeiten bleiben, wenn etablierte Strukturen an ihre Grenzen stoßen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die neue Vortragsreihe „Macht und Ohnmacht“ des Wissenschaftsvereins Kärnten. Die vierteilige Reihe beleuchtet das Spannungsfeld aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven und an verschiedenen Veranstaltungsorten in Kärnten.
Den Auftakt bildete am 6. Oktober 2026 der Abend „EU und UNO in Zeiten geopolitischer Machtverschiebungen“ an der Pädagogischen Hochschule Kärnten. Im Mittelpunkt standen dabei die Handlungsmöglichkeiten der Europäischen Union und die Rolle internationaler Organisationen in einer sich verändernden Weltordnung. Mit Thomas Peyker, ehemaliger EU-Botschafter, und Angela Kane, ehemalige Hohe Repräsentantin der UNO für Abrüstungsfragen, konnten hochkarätige Vortragende für den Abend gewonnen werden, die Einblicke in aktuelle sicherheitspolitische und wirtschaftliche Herausforderungen für Europa und die Vereinten Nationen gaben.
Nach den einleitenden Begrüßungsworten von Vizerektorin Dagmar Unterköfler-Klatzer sowie dem Präsident des Wissenschaftsvereins, Horst Peter Groß, zeichnete Angela Kane die sicherheitspolitische Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte nach und beleuchtete die neuen Herausforderungen und Bedrohungen unserer Zeit – von Künstlicher Intelligenz über den Klimawandel bis hin zu Migration. Zugleich verwies sie auf die besorgniserregende Entwicklung der Demokratie und den weltweiten Trend hin zu autokratischen Regierungsformen. Phasen internationaler Initiative und Kooperation hätten sich in der Vergangenheit immer wieder mit Zeiten abgewechselt, in denen eine Zusammenarbeit kaum möglich gewesen sei. Heute sei die Lage jedoch besonders kritisch: eine zunehmende globale Aufrüstung, der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die veränderte geopolitische Ausrichtung der USA unter Donald Trump verschärften die Situation zusätzlich. Auch die wachsende Bedeutung Chinas sowie dessen enge Beziehungen zu Russland seien in diesem Zusammenhang von großer geopolitischer Relevanz. Kanes zeigte auf, wie sich unter diesen veränderten Rahmenbedingungen auch die Rolle und Handlungsfähigkeit der Vereinten Nationen zunehmend abschwächen. Die Uneinigkeit der Mitgliedstaaten erschwere gemeinsame Entscheidungen und wirksames internationales Handeln.
Auch Thomas Peyker konnte auf Basis seiner langjährigen Erfahrung in der internationalen Politik eindrucksvoll aktuelle wirtschaftliche und militärische Machtentwicklungen darstellen. Von der Kontrolle wichtiger maritimer Handelsströme und strategischer Infrastruktur bis hin zur Konzentration zahlreicher Schlüsselunternehmen im Technologiesektor verfüge vor allem die USA über erheblichen globalen Einfluss. Auf diese Stärke habe sich Europa über lange Zeit in hohem Maße als Sicherheitspartner verlassen. Gleichzeitig zeigte Peyker auf, über welche beträchtlichen Möglichkeiten Europa selbst verfügt: Das umfassende Netzwerk an Handelsabkommen und die Attraktivität des europäischen Binnenmarktes ermöglichen es der Europäischen Union, europäische Standards weit über ihre eigenen Grenzen hinaus wirksam werden zu lassen. Grenzen zeigte Peyker hingegen bei der bisherigen europäischen Militärpolitik auf: Die starke Fragmentierung der europäischen Verteidigungsstrukturen führe dazu, dass trotz vergleichbar hoher Ausgaben die gemeinsame militärische Kraft hinter den Möglichkeiten zurückbleibe. Auch hier seien Zusammenarbeit, Koordination und politische Einigkeit die entscheidenden Stichworte.
Als gemeinsames Fazit wurde deutlich: Sowohl die Europäische Union als auch die Vereinten Nationen können nur so viel leisten, wie ihre Mitgliedstaaten zulassen und tatsächlich unterstützen. Bis ein notwendiger Wandel hin zu größerer Geschlossenheit und Handlungsfähigkeit erreicht werden kann, dürfte jedoch noch einige Zeit vergehen. Beide Referenten erwiesen sich dennoch als überzeugte Verfechter des Multilateralismus und seiner zentralen Bedeutung für die Bewältigung globaler Herausforderungen. Die anschließende Diskussionen mit zahlreichen Anregungen und Fragen aus dem Publikum zur konkreten Verwirklichung einer handlungsfähigeren EU bzw. UNO rundeten den Abend ab und ließen die Teilnehmer mit vielen neuen und weiterführenden Gedanken nach Hause gehen.
Die Pädagogische Hochschule Kärnten freute sich, als Kooperationspartnerin und Gastgeberin bei der Veranstaltungsreihe unterstützen zu können. Die weiteren Abende der Reihe widmen sich den Themen Verletzlichkeit, Mensch und Natur sowie der Handlungsmacht von Politik und finden an weiteren Hochschul- und Veranstaltungsorten in Kärnten statt.
Weitere Infos zur Vortragsreihe
Fotokennung: PHK/ Obmann
