Die Förderung der Lese- und Schreibkompetenz ist eine der zentralen Aufgaben der Primarstufe. Eine neue Längsschnittstudie von Marlene Lindtner (PHK), Markus Pissarek (Universität Passau) und Christina Konrad (PPH Diözese Linz) zeigt nun: Wenn Kinder Laute nicht nur hören, sondern durch Mundbewegungen und Artikulation auch körperlich spüren, lernen sie nachweislich besser schreiben. Die Ergebnisse der dreijährigen Untersuchung in österreichischen Volksschulen wurden kürzlich in der Zeitschrift für Grundschulforschung veröffentlicht.
Die Fähigkeit, einzelne Laute innerhalb eines Wortes bewusst zu erkennen (Phonologische Bewusstheit), gilt als das Fundament für ein erfolgreiches Erlernen von Lesen und Schreiben. Doch wie vermittelt man diese Basis im Unterricht am besten? Hier setzt das Unterrichtskonzept KUL - kurz für Körperbasiertes Unterrichten und Lernen - an. Kinder lernen dabei systematisch, die eigenen Sprechwerkzeuge wahrzunehmen. Sie spüren, wie sich Lippen, Zunge und Kiefer bewegen oder wie sich der Luftstrom bei verschiedenen Lauten verändert. Bei der Lautanalyse sprechen die Kinder Wörter in einem extrem verlangsamten Modus aus („Langsamland“) und markieren jede Veränderung der Mundstellung physisch – etwa durch Klopfen oder Mitgezählen an den Fingern. Ergänzt wird dies durch den Einsatz von „Mundbildern“, welche die Lautstruktur visuell und als direkte Handlungsanweisung greifbar machen.
Empirische Studie: 300 Kinder, nachhaltige Erfolge
Um die Wirksamkeit von KUL wissenschaftlich zu überprüfen, führte Marlene Lindtner im Rahmen ihrer Dissertation eine groß angelegte, längsschnittliche Feldstudie unter realen Unterrichtsbedingungen durch. Insgesamt wurden 300 Kinder aus 22 Schulklassen über drei Schuljahre hinweg begleitet. Ein Teil der Kinder wurde nach dem KUL-Konzept (und mit dem darauf abgestimmten Schulbuch “Lernen mit Lilli”) unterrichtet, während die Kontrollgruppe der herkömmlichen Unterrichtspraxis folgte.
Die erhobenen Daten zeigen deutliche und stabile Effekte des körperbasierten Ansatzes:
- Stärkere Basis: Bereits im ersten Schuljahr zeigten die KUL-unterrichteten Kinder signifikant bessere Leistungen in der Lauttrennung. Besonders bemerkenswert: Kinder ohne Vorkenntnisse in der Interventionsgruppe schnitten am Ende des ersten Schuljahres im Schnitt sogar besser ab als Kinder mit Vorkenntnissen in der Kontrollgruppe.
- Bessere Rechtschreibung: Das Konzept wirkte sich direkt positiv auf die lauttreue Schreibung der Schüler:innen aus. So zeigte sich eine drastisch geringere Fehlerquote beim Schreiben.
- Langfristiger Effekt: Die positiven Effekte flachten nach dem ersten Jahr nicht ab, sondern blieben bis zum Ende der dritten Klasse stabil nachweisbar. Im Gegensatz zum herkömmlichen Unterricht, zeigte kein einziges Kind der Interventionsgruppe einen kritischen, risikobehafteten Grenzwert in der lauttreuen Schreibung.
Von der Forschung in die Praxis
In Zeiten intensiver Debatten über die Qualität von Bildungssystemen liefert diese Längsschnittstudie wertvolle, empirisch abgesicherte Impulse für die Schulentwicklung und die Lehrer:innenbildung. Sie zeigt, dass die gezielte Einbindung des Körpers in den Unterricht den Schriftspracherwerb nachhaltig erleichtern kann. „Wir wollen aktuelle Erkenntnisse und Forschung endlich in die Praxis bringen und Lehrpersonen dabei unterstützen, gehirn- und kindgerechten Unterricht zu gestalten, der Lernen ermöglicht und nicht voraussetzt", so die Autorin.
Der vollständige Artikel mit dem Titel „Kurz- und langfristige Effekte einer körperbasierten Schulung der Phonologischen Bewusstheit“ ist in der Zeitschrift für Grundschulforschung (Springer) erschienen und im Open Access verfügbar.
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